Fehlstellen ergänzen
Zeitreihen, die aus Messdaten generiert sind, haben häufig Fehlstellen, denn in der Praxis kommt es nicht selten vor, dass die Datenlogger zum Aufzeichnen der Messwerte für kürzere Zeiträume ausfallen. Die Messdaten sind dann zwar prinzipiell äquidistant, weisen aber Lücken auf. Diese Lücken sind entweder nur fehlende Datenwerte (bei äquidistanten Zeitreihen) oder komplett fehlende Zeitpunkte (in nicht äquidistanten Zeitreihen).
Um diese fehlerhaften Zeitreihen mit anderen Messdaten zu synchronisieren und weiter zu verarbeiten, ist es notwendig, die Lücken mit sinnvollen Werten zu füllen. Dazu dient die Methode Fehlstellen ergänzen. Anhand eines Zeitrasters identifiziert sie Fehlstellen in Form fehlender Datenwerte (NaNs) und in nicht äquidistanten Zeitreihen auch in Form fehlender Zeitpunkte. Das Ergänzungsverfahren geht davon aus, dass die Messdaten äquidistant sein sollen.
Die Methode identifiziert die saisonale Struktur der Zeitreihe automatisch und berücksichtigt sie bei der Ergänzung der fehlenden Messwerte. Das passende Prognoseverfahren wird automatisch gewählt.
Für sehr kurze fehlende Zeiträume (deren Größe der Anwender bestimmt) werden die Messwerte linear interpoliert, während für größere Lücken Daten basierend auf exponentieller Glättung (nach Dannecker, 2015) ergänzt werden.
Die folgende Abbildung zeigt beispielhaft einen Strombedarf mit saisonaler Struktur, bei dem fehlende Daten ergänzt wurden (rot).
Methode anwenden
Starten
Um die Fehlstellen einer Zeitreihe zu ergänzen, verwenden Sie den Button Fehlstellen ergänzen in der Gruppe Analyse im Methoden-Ribbon (siehe folgende Abbildung).
Alternativ rufen Sie die Methode über das Kontextmenü der Zeitreihe im Projektexplorer auf: Methoden → Werte ändern → Fehlstellen ergänzen (siehe folgende Abbildung).
In dem sich öffnenden Fenster (siehe folgende Abbildung) wählen Sie unter Zeitreihen diejenige aus, die ergänzt werden soll. Es kann nur eine Zeitreihe ausgewählt werden.
Fehlstellen finden
Klicken Sie auf den Button Fehlstellen finden (siehe folgende Abbildung).
Die Fehlstellen werden identifiziert.
Im Dialogfenster der Methode Fehlstellen ergänzen wird die erste Fehlstelle mit dem ersten und letzten Zeitpunkt und der Länge in der Zahl der Zeitschritte angezeigt (siehe folgende Abbildung).
In der Drop-down-Liste sind die weiteren Fehlstellen zur Auswahl aufgeführt. Mit den Buttons Vorherige Fehlstelle und Nächste Fehlstelle navigieren Sie von einer zur nächsten Fehlstelle.
Ein Klick auf den Button Fokussieren fokussiert den Plot im Plotfenster auf die ausgewählte Fehlstelle.
Interpolieren
Wählen Sie im Bereich Kurze Intervalle interpolieren die Intervalllänge in der gewünschten Einheit (Schritte, Sekunden, Minuten oder Stunden), bis zu der die Fehlstellen durch Interpolation ergänzt werden sollen, und starten Sie die Interpolation mit dem Button Interpolieren.
Die interpolierten Fehlstellen werden aus der Drop-down-Liste der Fehlstellen gelöscht. Um sie dort wieder anzuzeigen, klicken Sie erneut den Button Fehlstellen finden.
Saisonal ergänzen
Wählen Sie für die übrigen Intervalle, die nach Muster ergänzt werden sollen, die Periodenlänge in Stunden, Tagen oder Wochen (siehe folgende Abbildung).
Wählen Sie im Bereich Aktionen, ob mit der gewählten Periodenlänge für die saisonale Ergänzung alle Fehlstellen oder nur die ausgewählte Fehlstelle ergänzt werden soll.
Ablauf
Der folgende Slider zeigt noch einmal schrittweise den Ablauf der Fehlstellenergänzung.
Ergebnisse für äquidistante und nicht äquidistante Zeitreihen
Das folgende Bild zeigt die von der Methode erzeugten Zeitreihen.
Während die Abbildung oben die Ergänzung einer äquidistanten Zeitreihe zeigt, verdeutlichen die folgenden beiden Abbildungen die Ergänzung einer nicht äquidistanten Zeitreihe. Die erste der beiden Abbildungen zeigt den Zeitraum mit Fehlstellen: nicht nur leere Datenpunkte, wie bei der äquidistanten Zeitreihe oben, sondern auch fehlende Zeitpunkte, die in der zweiten Abbildung durch das Ergänzungsverfahren entdeckt, in die Zeitreihe eingefügt und mit sinnvollen Daten gefüllt wurden.
Die nicht äquidistante Zeitreihe wird um die fehlenden Zeitpunkte ergänzt, bis sie äquidistant ist. Die Ergebniszeitreihe enthält demnach mehr Datenpunkte als die Ursprungszeitreihe.
Berechnungsverfahren
Expertenwissen ist zur Anwendung der Methode nicht notwendig. Besonders interessierte Anwender erfahren in dem folgenden Abschnitt Details zu der Methode, die im Hintergrund der einfachen Bedienoberfläche automatisch abläuft.
Die exponentielle Glättung berechnet in ihrer einfachsten Form fehlende Werte durch die Rekursion \( \begin{equation} \begin{aligned} s_t= αx_t+(1-α) s_{t-1} \end{aligned}\end{equation}\) über Messwerte \( \begin{equation} \begin{aligned} \{x_t\}\end{aligned}\end{equation}\), wobei \( \begin{equation} \begin{aligned} 0<α<1 \end{aligned}\end{equation}\) der Glättungsfaktor ist.
Das angewendete Verfahren aus der Zeitreihenanalyse zur Vorhersage bei saisonalem Verhalten, die dreifach exponentielle Glättung (Holt 2004), auch das Holt-Winters-Smoothing genannt, hängt von drei Parametern \( \begin{equation} \begin{aligned} 0<α,β,γ<1\end{aligned}\end{equation}\) sowie der Saisonlänge \( \begin{equation} \begin{aligned} S\end{aligned}\end{equation}\) ab. Die untersuchte Zeitreihe wird in drei Komponenten zerlegt:
„Näherungsweise“ bedeutet, dass die Komponenten tatsächlich aus etwas komplexeren Ausdrücken zusammengesetzt sind.
Die Parameter \( \begin{equation} \begin{aligned} \alpha\end{aligned}\end{equation}\), \( \begin{equation} \begin{aligned} \beta \end{aligned}\end{equation}\) und \( \begin{equation} \begin{aligned} \gamma\end{aligned}\end{equation}\) steuern eine Gewichtung der Zusammensetzung der Komponenten aus aktuellen Werten und Werten in der Vergangenheit. Wenn \( \begin{equation} \begin{aligned} S\end{aligned}\end{equation}\) die Länge der Saison ist, ergeben sich die drei Komponenten folgendermaßen:
\( \begin{equation} \begin{aligned} l_t=\alpha⋅(y_t-s_{t-S})+(1-\alpha)⋅(l_{t-1}+b_{t-1}) \end{aligned}\end{equation}\),
\( \begin{equation} \begin{aligned} b_t=β⋅(l_t-l_{t-1} )+(1-β)⋅b_{t-1}\end{aligned}\end{equation}\),
\( \begin{equation} \begin{aligned} s_t=γ⋅(y_t-l_t )+(1-γ)⋅s_{t-S} \end{aligned}\end{equation}\).
Mit diesen Komponenten lässt sich ausgehend von einem Zeitpunkt \( \begin{equation} \begin{aligned} t\end{aligned}\end{equation}\), üblicherweise der letzte beobachtete Wert, eine Voraussage für beliebig viele Schritte in die Zukunft treffen:
\( \begin{equation} \begin{aligned} y_{t+r}=l_t+r⋅b_t+s_{t-(S-1)+r ̃} \end{aligned}\end{equation}\) mit \( \begin{equation} \begin{aligned} r ̃=(r-1)\ mod\ S\end{aligned}\end{equation}\).
Zur vollautomatischen Berechnung müssen die Glättungsfaktoren \( \begin{equation} \begin{aligned} \alpha\end{aligned}\end{equation}\), \( \begin{equation} \begin{aligned} \beta \end{aligned}\end{equation}\) und \( \begin{equation} \begin{aligned} \gamma\end{aligned}\end{equation}\) aus den vorhandenen Messdaten bestimmt werden. Diese Parameter werden über das 1965 von John Nelder und Roger Mead entwickelte Downhill-Simplex-Verfahren berechnet. Zur Bewertung der Güte eines Parametersatzes kommen unterschiedliche Teststatistiken zum Einsatz. Dabei werden jeweils ergänzte Daten mit vorliegenden Beobachtungsdaten verglichen und ein Fehlermaß (Sum of Squared Errors) berechnet.
Der Parameter für die Saisonlänge \( \begin{equation} \begin{aligned} S\end{aligned}\end{equation}\) kann wahlweise durch den Anwender vorgegeben oder automatisiert über die maximale Autokorrelation bestimmt werden.
















